Reisebericht 2018

Besuch in Botosani vom 03. bis 06. August



Wieder war es soweit. Zu fünft machten wir uns dieses Mal auf den Weg nach Botosani. 

Von Düsseldorf führte uns der Flug erst nach Wien und von dort nach Iasi.

... Zahnärzte gibt's auch auf dem Land

Von hier aus fuhren wir dann mit unserem Mietwagen weiter gut 2 Stunden über Land nach Botosani.

Dieses Mal haben wir ab und zu angehalten und auch auf diesem Weg Fotos gemacht und versucht, ein paar unserer Eindrücke festzuhalten, die uns immer wieder an längst vergangene Zeiten erinnerten, an ländliche Lebensformen früherer Zeiten, die in starkem Kontrast zu dem städtischen und modernen Leben in Botosani stehen. 

Vorbei an Häusern ohne Wasseranschluss und Pferdekarren hinein in die 120.000 Einwohner zählende Stadt Botosani in Nordrumänien:

 



In Botosani verteilten wir dann in den folgenden Tagen schon fast routiniert die Aufgaben. Während Anni, Gabi und Marina in das öffentliche Tierheim mit seinen knapp 800 Hunden aufbrachen, konzentrierten sich Regina und Andrea auf das Tierheim von Ador.

Zwischendurch galt es zudem immer wieder mit unseren Tierschutzkollegen vor Ort Gespräche zu führen. Daniel Dinu, die gute Seele im öffentlichen Tierheim, der täglich den Tierschützern hilft und fast eine Art Hausmeister ist, indem er marode Hundehütten zusammenflickt, Zwingerdächer uvm. repariert, haben wir gebeten, beim Aufbau von 50 hier in Deutschland gefertigten und gut isolierten Hundehütten zu helfen. Die neuen Hundehütten werden in den nächsten Wochen nach Botosani transportiert, damit sie noch vor Wintereinbruch zumindest einige Hunde im eisigen nordrumänischen Winter mit seinen zweistelligen Minusgraden vor dem Erfrieren retten.

Auch Kastrationsaktionen wurden besprochen, die dieses Mal etwas größer ausfallen und evtl. sogar mit der Hilfe von zwei ausländischen Tierärzten durchgeführt werden sollen. Dazu sollen Flyer verteilt werden, die Cristina gestaltet hat und die in und um Botosani Menschen dazu aufrufen sollen, ihre Hunde kostenfrei kastrieren zu lassen.

Zugleich wird nebenbei noch über den Sinn von Kastrationen und Tierschutz aufgeklärt. Ein Projekt, das uns sehr am Herzen liegt.


Im Zuge dessen haben wir Anca, eine ehrenamtliche Mitarbeiterin von Ador, an einem Tag nach Trusesti begleitet, einen Ort, der 30 Autominuten von Botosani entfernt liegt.

Straßenhund in Trusesti
in einem Hinterhof in Trusesti


Hier leben viele Straßenhunde, denn anders als in Botosani gibt es hier (noch) keine Hundefänger.

Anca arbeitet in Trusesti und hat es sich zur Aufgabe gemacht, möglichst viele Straßenhunde kastrieren zu lassen und für sie Futterstellen einzurichten.

 

Der folgende Film zeigt einige Ausschnitte unseres Besuchs in Trusesti:



Auch im Tierheim von Ador hat sich seit unserem letzten Besuch viel getan.

Besonders gefreut hat uns, dass nun nur noch eine Hündin, die leider mit ihren Artgenossen völlig unverträglich ist, an der Kette leben muss. Für alle anderen ehemaligen Kettenhunde wurden im erweiterten Tierheimtrakt Zwinger gebaut.

Zwar sind die neuen Zwinger nicht so großzügig wie die vor drei Jahren erbauten Anlagen, doch sie bieten für die Hunde, die bislang an der Kette oder in maroden Gehegen wegen der Überfüllung des Tierheims leben mussten, doch eine Verbesserung.

Ausgediente Hütten der Kettenhunde
Neue Zwinger im Tierheim von Ador


Auch sehr verträgliche, menschenbezogene und überaus freundliche Hunde haben ihre Zelte in diesen neuen Zwingern aufgeschlagen, darunter auch Jay und Boomer.

Noch sind die neuen Zwinger "hüttenlos", zum Winter aber werden hoffentlich in allen Zwingern Hundehütten aufgebaut werden können.

Viele Hunde im Tierheim von Ador haben uns sehr berührt und besonders nachdenklich hat uns die große Zahl von Welpen gemacht.

Nur Kastrationen können mittelfristig diese Welpenflut eindämmen.

 

Wie jedes Jahr werden nicht alle Welpen noch im Welpenalter vermittelt werden und dann bleiben sie als Junghunde zurück in einem der Zwinger. So wie Hugo Junior und vielleicht auch bald Nik, der wirklich alle Besucher begeistert hat.

Wenn schon die gesunden, jungen Hunde wenig Vermittlungschancen haben, was passiert dann mit jenen Hunden, die ein Handicap haben? So wie Calista, die uns trotz ihres Handicaps brav und lieb begleitet hat und für jede noch so kleine Zuwendung dankbar war.

 

Im Tierheim von Ador lebten bislang einige Katzen, die notdürftig in einem kleinen, wirklich sehr kleinen Katzengehege untergebracht waren. 2018 ist die Zahl der aufgenommenen Katzen bzw. Katzenbabies jedoch explodiert.

Mitarbeiter von Ador haben in den letzten Monaten fast fortlaufend kleine Katzenbabies, mitunter auch verletzte und kranke Katzen, gefunden, z.T. wurden Katzen auch in Kartons vor dem Tierheim abgelegt. Nun leben an die 40 Katzen im Tierheim, die, da das kleine Katzengehege nun völlig überfüllt ist, den Vorraum des Sanitärbereichs bevölkern. Noch sind die meisten klein, manche passen noch gut in kleine Hand, doch was soll geschehen, wenn all diese kleinen Würmchen erwachsen werden?

 

Am belastendsten ist während unserer Aufenthalte in Botosani immer wieder aufs Neue der Besuch im öffentlichen Tierheim, dem sog. Public Shelter mit seinen um die 800 eingesperrten Hunden.

Denn obwohl sich einiges in diesem Lager zum Positiven gewendet hat, keine Hunde mehr offiziell getötet werden, die wenigen Tierschützer vor Ort so engagiert sind und wirklich ihr Bestes geben, Daniel Dinu jeden Winter aufs Neue die Holzhütten repariert und Dächer abdichtet, ist und bleibt dieses riesige Tierheim für viele Hunde die Endstation ihres Lebens.

Wenn sie Pech haben und in jungen Jahren oder gar als Welpen von Hundefänger hierher gebracht werden, dann werden viele, eigentlich die meisten von ihnen, ihr Leben, d.h. viele, viele Jahre in dieser Hölle leben müssen. Bis sie irgendwann eines Morgens tot in ihrem kleinen Zwinger gefunden werden. Totgebissen, verblutet, erfroren oder einer unerkannten Krankheit erlegen.

Während unseres Besuchs haben wir wieder viele Hunde kennengelernt und einige von ihnen haben wir bereits vorgestellt. Junge, alte, kleine und große Hunde. Hunde, die ihre Schnauzen und Pfoten durch die Gitter steckten und mit allem, was ihnen möglich war, darum baten, mitzudürfen, gestreichelt zu werden, eine Chance zu bekommen. 

Unzählige Augen, Nasen und Pfoten ...

Auri, der als Straßenhund ein zwar beschwerliches, aber freies Leben führte und nun, weil sich Menschen durch seine Anwesenheit gestört fühlten, im Public Shelter ist. Die Geschwister Simon und Edita, die ihre Jugend hinter Gittern verbringen und immer scheuer werden.

Die überaus freundliche und zutrauliche Leena, deren Schwester Meena adoptiert wurde und bald ausreisen darf. Leena muss alleine zurückbleiben und wird es schwer haben.  

Raluca und Christina haben uns durch die unzähligen Reihen geführt und uns von einzelnen Hunden und deren Schicksal berichtet. Einige Hunde lagen den beiden besonders am Herzen, da sie mit ihrem freundlichen, sanften Wesen über kurz oder lang an diesem Lageralltag zerbrechen werden. Oder bereits daran zerbrochen sind ...

Wie Paisley, Ralucas "Lieblingshund". Wörtlich sagte sie: "If I could show you only one scared dog, this would be her." Sie war sehr verzweifelt, weil Paisley sich völlig zurückgezogen hatte, nicht dazu zu bewegen war, aus der Box zu kommen und so eigentlich unsichtbar war, weil sie sich in der hinterste Ecke versteckt hatte.
Raluca kroch dann zu ihr in die Box, wo sie sie wohl zum allerersten Mal anfassen konnte. Trotzdem konnten wir von ihr leider keine Bilder machen, nur von Raluca in der Box, die hinterher so traurig war, weil sie unseren Besuch als eine große Chance für Paisley sah und nun feststellen musste, dass wir noch nicht einmal Bilder von ihrem Liebling machen konnten.

Die hier gezeigten Bilder sind schon etwas älter und stammen von den im Auffanglager tätigen Tierschützern und zeigen Paisley, als sie noch nicht ganz so scheu war. 

Raluca und ...
... ihre Paisley


Paisley steht stellvertretend für viele scheue bis verängstigte Hunde im Auffanglager. Jemand der ihr helfen will, braucht viel Erfahrung im Umgang mit Angsthunden, nicht nur mit ängstlichen Hunden, und vor allem einen sehr, sehr langen Atem. Vielleicht geht es schneller als befürchtet, dass Paisley sich an die Gesellschaft von Menschen gewöhnt und ein halbwegs normales Leben führen kann, vielleicht schafft sie den Sprung aber auch nie.

Wir, vor allem aber Raluca, würden uns sehr freuen, wenn sich diese eine, ganz besondere Person für Paisley finden würde. Ansonsten muss Paisley wohl, wie viele andere Hunde leider auch, für den Rest ihres Lebens mit einer Box im Zwinger vorlieb nehmen und wird nie wirklich erfahren, was ein Hundeleben lebenswert macht.

Paisley wurde grob geschätzt 2013 geboren und hat eine mittlere Größe.

 

Ein wichtiger Aspekt der Arbeit der Tierschützer im öffentlichen Hundeauffanglager ist die Gesundheitsvor- und fürsorge.

So wurden auch wir bei unserem Besuch sofort gefragt, ob wir mitarbeiten und Wurst schneiden könnten.

Es stand die große Entwurmungsaktion an und dazu mussten Hunderte von Entwurmungstabletten aus dem Blister entnommen und in zuvor geschnittene Wurststücke gedrückt werden. So werden die Hunde regelmäßig entwurmt und vor Auszehrung und Krankheit geschützt.

Gute Dienste dafür leistet ein gespendeter Wohnwagen, in dem Futter, Tabletten und in einem Kühlschrank auch die Wurst untergebracht sind.

Entwurmunsaktion ...
... im öffentlichen Tierheim
Cristina und Daniel Dinu


Auch um kranke Hunde kümmern sich die Tierschützer intensiv und so bekommt ein gestromter Rüde regelmäßig Physiotherapie von Cristina, damit er seine verletzte Vorderpfote wieder einsetzen kann.

Physiotherapie ...
... unter erschwerten Bedingungen

Wir durften dabei mit im Zwinger sein und zusehen und man konnte deutlich erkennen, wie sehr der Rüde Cristina vertraut und deshalb die etwas unangenehme Prozedur klaglos über sich ergehen ließ.

Für ihn sicher ein Höhepunkt des Tages, denn bei all den anderen Aufgaben haben die Tierschützer nicht immer so viel Zeit für ein einzelnes Tier.

 


Die Tierschützer im öffentlichen Hundeauffanglager bewältigen wirklich sehr vielfältige Aufgaben, an die man im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit nicht immer unbedingt denken würde.

So wurden wir während unseres Rundgangs durch das öffentliche Hundeauffanglager auch Zeugen, wie ein Hund, der bisher absolut unsichtbar war, weil er sich in der Hundehütte hinter einem Leidensgenossen versteckte, mit viel Mühe ans Tageslicht geholt wurde.

Er wäre uns überhaupt nicht aufgefallen, weil er sich wirklich in der hintersten Ecke versteckt hatte und einfach ängstlich war. Auch sein Fell war in einem schlimmen Zustand und so brachten die Tierschützer ihn in einen der wenigen leeren Zwinger und Elena näherte sich ihm langsam und konnte tatsächlich nach einiger Zeit anfangen, die schlimmsten Stellen aus seinem Fell zu schneiden. Er drängte sich zwar immer noch in die Ecke des Zwingers, aber er war überhaupt nicht aggressiv und so machte Elena gleich weiter und verpasste ihm einen Kurzhaarschnitt, der dann schließlich einen sehr dünnen, etwa 2 Jahre alten Rüden zum Vorschein brachte.

Sicher spürte auch er die Erleichterung darüber, sein verfilztes Fell endlich losgeworden zu sein, denn bei der Hitze war das bestimmt sehr lästig. 

Auch das ist eine Facette von Tierschutz.

 

Während unseres Besuchs haben wir natürlich abermals die Kostenübernahme für weitere Impfungen zugesagt und gleich noch eine ordentliche Menge Desinfektionsmittel gekauft, mit dem Daniel Dinu dann gleich viele Zwinger desinfizieren konnte, um einer Verbreitung von Krankheiten wie auch von Parasiten vorzubeugen.

Daniel Dinu im Einsatz

 

Auf unseren alljährlichen Reisen war schon von Beginn an ein Besuch bei Mrs. Florea und ihren Hunden fester Bestandteil des Besuchsprogramms.

Im Vergleich zu unserem Besuch 2017 waren wir dieses Mal positiv überrascht, dass viele der Hunde, die aktuell auf Floreas Grundstück leben, sehr menschenbezogen sind.

Während wir 2017 die meisten Hunde nur aus der Ferne betrachten konnten, da sie sehr ängstlich und scheu waren, kamen wir dieses Mal kaum noch aus dem Streicheln und Kraulen heraus. So viele kleine und große Fellnasen begrüßten uns überschwenglich und wollten uns zum Ende unseres Besuchs kaum noch gehen lassen. Allen voran die bezaubernde Karina, Jimmy, Silas und Caspar.

Floreas Kochstelle
Jimmy und Karina

 

Einen kleinen Einblick ins Leben der Hunde bei Florea gibt dieses Video:

 

Zum Abschluss unseres Besuchs in Botosani stand dann noch ein Besuch im Rathaus beim Bürgermeister sowie stellvertretenden Bürgermeister von Botosani auf dem Programm. Unsere rumänischen Tierschutzkollegen hatten uns um Unterstützung gebeten, da ein neuer, jedoch noch nicht ratifizierter Gesetzesentwurf in der Gemeinde Botosani im Umlauf ist.

Dieser sieht vor, dass die Hundefänger von Botosani nun alsbald auch in den umliegenden, zur Großgemeinde Botosani gehörenden Ortschaften wie Trusesti oder Flamanzi Hunde einfangen und in das öffentliche Tierheim von Botosani bringen werden. Dort sollen die Hunde 14 Tage "aufbewahrt" und anschließend getötet werden, sofern die Ortschaften, aus denen die Hunde stammen, sich nicht dazu bereiterklären, für den weiteren Verbleib der Hunde im Tierheim zu zahlen. Wer die angespannte finanzielle Situation der rumänischen Dorfschaften und auch den Wert, den ein Straßenhundeleben hier hat, kennt, weiß, dass vermutlich kein Dorf und keine Stadt Geld für das Weiterleben bzw. die weitere Aufbewahrung von Straßenhunden bezahlen wird. Die Tötung hunderter Straßenhunde wäre somit zwangsläufig vorgegeben. Um dies zu verhindern bzw. zumindest Einspruch zu erheben, baten uns unsere rumänischen Tierschutzkollegen um Unterstützung.

Als Tierschutzverein aus Deutschland, der seit Jahren den Tierschutz in Botosani unterstützt und versucht, die Lebenssituation der Hunde vor Ort zu verbessern, sei es durch monatliche Futterspenden, Kastrationsaktionen, die Kostenübernahme von Impfungen und Parasitenschutz, Hundehütten uvm., haben wir unsere Haltung klar gemacht.

Tötungen, egal ob von Hunden aus der Stadt oder der Gemeinde Botosani, werden wir nicht dulden und unser Engagement im Fall von Tötungen überdenken und ggf. einstellen. Wir möchten die bislang insgesamt gute Zusammenarbeit mit den in Botosani Verantwortlichen fortführen und sind selbstverständlich bereit, als zuverlässiger Partner unseren Teil der Zusagen (monatliche Futterspenden, Planung und Durchführung von Kastrationsaktionen, Hundevermittlungen) einzuhalten.

Doch wir erwarten das Gleiche auch von der rumänischen Seite, sprich dem Bürgermeister und stellvertretenden Bürgermeister in Botosani. Keine Tötungen von Hunden in Botosani, egal woher sie stammen. Beide Herren sicherten uns zu, dass es nicht geplant sei, in Botosani Hunde zu töten. Wer die Geschichte politischer Versprechungen in Botosani kennt, weiß die Verlässlichkeit dieser Aussagen einzuschätzen ...

 

Irgendwann saßen wir dann alle wieder im Auto auf dem holprigen und mit Schlaglöchern garnierten Rückweg nach Iasi und haben noch einmal die vergangenen intensiven Tage auf uns wirken lassen. Wieder haben wir vieles gesehen, zahlreiche Gespräche geführt, Hunde fotografiert und gefilmt, Entwurmungstabletten in Wurststücke gedrückt und doch ist uns allen vor allem eines nahe gegangen:

Die vielen Augen, Pfoten und Schnauzen, die uns baten, mitkommen zu dürfen. 
Die vielen Hunde, die sich an uns gedrückt haben und mit allem, was sie hatten, um Nähe und Zuwendung baten. Die so vieles entbehren müssen. Und doch am meisten unter der fehlenden Nähe zu uns Menschen leiden. 

Andrea Brückner-Schoeler 
(Textpassagen über die Hunde im öffentlichen Tierheim von Anni Neuberger)

  • © 2013 - 2018 Pfotenhilfe ohne Grenzen